Selbstverteidigung?

Shiho_Ring

Aikido als Selbstverteidigung (?)

Aus Erfahrung wissen wir: Mit Aikido fängt man oft an, weil man sich wehren können will; weil man das Bedürfnis nach Sicherheit hat oder weil man sich bedroht fühlt. Wir wissen aber auch: Dieser Fokus verschiebt sich mit zunehmender Übungserfahrung und andere Aspekte treten in den Vordergrund.

Dennoch möchten wir ein paar Worte über den Selbstverteidigungsaspekt verlieren:
Zum Beginn die Frage “Kann man sich mit Aikido verteidigen?”

Die Antwort lautet ja – aber anders, als man das gemeinhin erwarten würde und aus Action-Filmen kennt: Aikido lässt sich nicht auf die Anwendung der Technik reduzieren.

Der Weg des Nicht-Kämpfens und der Widerstandslosigkeit

Aikido bewegt sich zwar im Kontext von Kampf und Gewalt, es geht jedoch einen friedvollen Weg. Es zeigt einen dritten Weg zwischen den Reaktionen Kampf und Flucht (“fight or flight”): Das Ziel des Aikido ist Widerstandslosigkeit und Nicht-Kämpfen.

Der Begründer des Aikido, Ueshiba Morihei, erklärte das Wesen seiner Kunst mit diesen Worten:

“Aikido ist keine Fähigkeit, mit der man kämpfen oder den Feind besiegen kann. Es ist vielmehr der Weg zur Versöhnung der Welt und zur Vereinigung aller Menschen zu einer Familie. Der Kampf ist schon beendet, bevor er begonnen hat. Der Wunsch des Gegners zu kämpfen, lässt ihn seine Natürlichkeit verlieren. Aikido bedeutet Widerstandslosigkeit.”

Aikido ist Budo. Budo heisst: Den Angriff stoppen

Aikido entstand aus den traditionellen japanischen Kampfkünsten (Budo). Die Silbe Bu wird landläufig mit Krieg oder Kampf ins Deutsche übersetzt. Die eigentliche Bedeutung der Schriftzeichen ist “den Angriff stoppen”.

In herkömmlichen Kampfsportarten läuft ein Schema ab: auf einen Angriff folgt ein Block und ein Gegenangriff; der Gegner wird ausgeschaltet und der Kampf für sich entschieden. Oder “Angriff ist die beste Verteidigung”, und man wechselt von der Defensive in die Offensive. So oder so: Es wird durch die Anwendung einer Strategie (Schnelligkeit, Kraft, Technik, Aggressivität etc.) über einen Gegner gesiegt, die im Training aufgebaut, internalisiert und abrufbar gemacht wurde.
Beispielsweise siegt man im Judo über seinen Gegner indem man die Weichheit zu seinen Gunsten einsetzt; im Karate-do, ist es die leere Hand, also waffenlose Techniken, die einem zu Sieg verhilft – im Aikido gibt es keinen Sieg über einen anderen; sondern nur über das Selbst (Masa-katsu agatsu katsu-hayai-bi).

Worst-Case-Szenarien oder Fingerspitzengefühl?

Selbstverteidigungskurse haben fast immer ein Worst-Case-Szenario vor Augen, auf das die Ausbildung ausgerichtet ist. Das sind Szenarien in denen das eigene Leben auf dem Spiel steht und nach dem Motto “entweder du oder ich” behandelt werden; es basiert auf der Trennung zwischen einem selbst und dem Gegner. Oft wird dabei von einem rechtsfreien Raum ausgegangen oder es wird die Verhältnismässigkeit einer Abwehrreaktion ausser Acht gelassen; was wiederum ein juristisches Nachspiel zur Folge haben kann.

Oft wird auch im Training auf Aggressivität gesetzt, die im entscheidenden Moment zum Selbstschutz mobilisiert werden soll. Hierbei wird oft vergessen, dass das richtige Einschätzen einer Situation entscheidend ist; und häufig die Falschen unter einer falsch kalkulierten Reaktion leiden; die Familie, die sich einen Spass erlauben wollte, und den Kampfsportler von hinten überraschen wollte; der Nachbar, der nachts im Dunkeln durch das gemeinsame Treppenhaus “schleicht” etc.

Hier kommt es schnell zu Überreaktionen, zum Ablaufen des trainierten Handlungsskriptes und zu Schaden an Unschuldigen. Das Umschalten von Normalmodus zu Krisenmodus ist mit Aikido nicht nötig.

Strassenkampfszenarien schiessen über das Ziel hinaus. Hinzu kommt, dass wir es in realen Konfliktsituationen oft nicht mit unbekannten “Feinden”, sondern vielmehr mit Bekannten, Kollegen und Nachbaren zu tun haben. Es ist also Fingerspitzengefühl und ein anderes Prinzip als strassenkämpferische Effizienz gefragt.

Den “Kampf” überwinden

“Der Kampf ist schon beendet, bevor er begonnen hat.”

O-Sensei

Zum Streiten braucht es immer zwei, sagt ein Sprichwort. Das Aikido folgt einem anderen Mind-set als herkömmliche Kampfsportarten: Die Grundeinstellung des Aikido ist das “liebende Beschützen” (Ban-Yu-Ai-Go). Die Bewegungen werden mit Herz ausgeführt; Sie haben nicht zum Weck, das Gegenüber zu verletzen oder ihm Schmerzen zuzufügen.

Aikido betont nicht die Trennung, sondern die Einheit: Es tritt nicht in den Kampf ein, bzw. versieht eine Situation nicht mit dem Label “Kampf”, in der mit dem Handlungsskript “Kampf oder Flucht” reagiert werden muss. So werden Handlungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt; in der Situation entsteht Raum für kreatives Agieren, nicht Re-Agieren.

Agieren bedeutet auch, dass man sich nicht überraschend in einer Situation wiederfindet, sondern mit einem Sensorium ausgestattet ist, brenzlige Situationen im Vorhinein zu erkennen und gegebenenfalls zu umgehen. Aikido “stoppt den Angriff” also nicht, indem auf Gewalt Gegengewalt folgen muss.

Aikido beginnt vor dem eigentlichen Ausbruch eines Konfliktes

Aikido beginnt weit vor einem Angriff – der Konflikt endet, bevor er begonnen hat – ohne Gewinner, ohne Verlierer: Es gibt keine Situation, in der jemand über jemand anders gewinnt. Bevor der Angriff manifest wird, beginnt die Bewegung. Der Partner wird ohne Verletzung durch die gemeinsame Bewegung geführt. So entsteht eine Situation, in der sich beide Partner sicher fühlen und die keinen erneuten Angriff provoziert.

In einer Aikido-Bewegung zeigt sich so die Sinn- und Effektlosigkeit eines Angriffs und gleichzeitig eine realistische Alternative im Umgang mit Gewalt.

Aikido transzendiert die Prinzipien des Kampfes

Konflikte entstehen nicht, da im Aikido nicht die Trennung zwischen dem ‘Gegner’ und einem selbst, sondern die Nicht-Trennung, das Eins-Sein, die Einheit (Ai) mit ihm erfahren wird. Denkt man dieses weiter, gibt es eigentlich keinen Gegner, keinen Feind, die Trennung zwischen ‘sich’ und einem ‘Anderen’ wird zu Gunsten einer Einheit aufgehoben. Somit gibt es kein Selbst, dass in der Selbstverteidigung verteidigt werden muss. Aikido kennt keine Ich-Zentriertheit.

(Durch das Aikidoüben) “wird der Mensch frei von Ichbezogenheit und Ichwahrnemung.”

Ueshiba, Kisshomaru

Das Aikidotraining basiert nicht auf der Annahme, dass durch bessere Technik, schnellere Reflexe oder überragende Strategie ein Kampf gewonnen werden kann. Dieser Logik folgend, wird es immer jemanden geben, der stärker, schneller oder gewandter ist, gegebenfalls zu unlauteren Mitteln greift oder genau dieses aufgebaute Abschreckungspotenzial zum Anlass nimmt, einen Angriff zu starten – dieser Logik und seinen Sachzwängen entzieht sich das Aikido.

Während andere Kampfkünste die sportliche Auseinandersetzung oder gar die tödliche Effizienz betonen, setzt Aikido auf das Prinzip der Einheit (Ai) und Verbindung mit dem Partner (Musubu), die durch die gesamte Bewegung aufrecht erhalten wird.

Aikido verändert die Übenden

Durch die Auseinandersetzung, das Training wird man sich weniger schnell in “brenzligen” Situationen wiederfinden, und Aggressivität mit Liebe begegnen können. Man wird sich auf das Bauchgefühl, seine Intuition verlassen und im Zweifelsfall einen anderen Weg einschlagen. Die Ausstrahlung und Köperhaltung (Shisei) verändert sich: Durch die energievolle Präsenz wird man weniger zum Ziel von Angriffen, wird weniger als Projektionsfläche wahrgenommen.

Deshalb wird das Aikido von Personen geschätzt, die sich beruflich in einem Umfeld bewegen, in dem Konflikte zur Tagesordnung gehören.

Ansprechpartner

Stefan Hess
E-Mail: dojo@aikido-buempliz.ch
Tel: 079 654 57 38